Leseprobe:

 

Gerald Wolf - Der HirnGott

»So manche wähnen, … meinen …, nun, äh, glauben, ein neuer Messias zu sein. Vielleicht sind sie nur zur falschen Zeit geboren?« Thomas lächelt dazu, um seinen Einfall höflich zu entwerten. »Andererseits, und das macht mich sehr nachdenklich, scheint das Gehirn eines jeden Menschen über eine gewisse Grundausstattung zu verfügen, die ihn zum spirituellen Denken befähigt und ..«

»Das ist in der Tat alles hochinteressant«, unterbricht der andere. »Ich habe von dieser Art Grundausstattung, wie Sie es nennen, auch gelesen. Übrigens wurde da von einem Hirnrindenfeld gesprochen, das für die gefühlsmäßige Begrenzung unseres Körpers zur Außenwelt hin zuständig ist. Es soll, …wie war das doch gleich?«

»Ja«, bestätigt Thomas, »es soll im Zustand der spirituellen Versenkung auffallend wenig aktiv sein, eben mit dem Ergebnis, dass sich dann die Grenzen zwischen der eigenen und der uns umgebenden Welt verwischen. Das Phänomen der Entgrenzung, der …, der Entkörperlichung.«

»Wirklich interessant. Allerdings, dieses Eins-Sein-Wollen und –Können mit der uns umgebenden Welt, das Verschmelzen mit dem Universum, ist weit charakteristischer für den Buddhismus, wie überhaupt für jene Kulturräume, in denen die Meditation eine herausragende Rolle einnimmt. Buddhistische Mönche verharren oft Stunden und manchmal Tage, um sich so in einen höchst ungewöhnlichen Bewusstseinszustand zu versenken. Neunundvierzig Tage soll Buddha gebraucht haben, bis er der Erleuchtung teilhaftig wurde. Gewiss mögen Christen mitunter ähnliche Erfahrungen machen, auch, dass Gott ihnen erscheint - Theophanie nennen wir das. Um Gott nahe zu sein, ziehen wir aber das Gebet vor, die Zwiesprache mit Gott.«

»Aber doch nicht in der Art, in der wir beide jetzt in Zwiesprache sind. Könnte nicht - was meinen Sie dazu, Herr Westphal - hat nicht die Mystik auch im Christentum einen wichtigen Platz, und zwar in dem Bemühen, Gott direkt zu erschauen, ihn erleben zu können, ihn zu erfahren? Ich denke an die Mystiker des Mittelalters, an Blaise Pascal zum Beispiel, der dem nüchternen 'Gott der Philosophen', einer abstrakten Gottes-Idee also, den 'Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs' gegenüberstellte, den lebendigen underfahrbaren Gott?«

»Durchaus, durchaus«, lenkt Westphal mit einem anerkennenden Blick in seine Richtung ein, »nur eben, Herr Wisweh, dass die Christen für diese Art der mystischen Erfahrung den Weg des Gebetes wählen. Zur Mystik gibt es seit langem schon viele Diskussionen. Ich selber denke, wir müssen uns damit abfinden, dass der 'Gott der Philosophen' heutzutage kaum noch Überlebens-Chancen hat. Er wird von den modernen Naturwissenschaften an die Wand gespielt. Unsere alten Gewissheiten gelten nicht mehr, und die Theologie übt sich weiter in der Kultur der Verleugnung oder, anders ausgedrückt, Unbeweisbares beweisen zu wollen. Sehen Sie das nicht auch so?«

»Na ja«, sagt Thomas und verspannt sich dabei ein wenig. Was will der denn jetzt hören?!, fragt seine innere Stimme. »Ich möchte jedenfalls nicht in der Haut eines Theologen stecken, wenn ihm ein Biologe mit knallharten Fakten aus …, sagen wir, aus der Evolutionsforschung aufwartet, und er, den …, zum Beispiel den Schöpfungsbericht vertreten muss.«

»So ist es. Worauf wir uns vor allem zu berufen haben, das ist der Gott des Glaubens. Die Mystik, die den Weg zu ihm weist, wurde - leider Gottes«, grient Westphal, »ja, 'leider Gottes' muss ich sagen -, von der offiziellen Kirche lange Zeit vernachlässigt, und von uns Theologen allemal. Wie gern flüchten wir Theologen in philosophierende und historisierende Betrachtungen, und wie wohl fühlen wir uns im terminologischen Schwulst.«

Westphal fasst seinen Kollegen scharf ins Auge, als ob er sich vergewissern will, ob Thomas nicht wenigstens aus Höflichkeit zu einer abwehrenden Geste bereit ist. »Aber wir alle brauchen die Mystik mehr denn je, um unsere Religion ihrem eigentlichen Sinn nicht zu entfremden. Und das ist der Punkt, an dem uns die sogenannte Neurotheologie entgegenkommt.«

»Wie meinen Sie das?«, fragt Thomas verblüfft. Westphal hat sich nebenher eine andere Pfeife aus seiner Sammlungausgesucht und stopft sie sorgfältig mit Tabak, den er einer abgegriffenen runden Blechbüchse entnimmt.

»Der nackte Verstand reicht nicht aus, um Gott zu erfahren. Ebensowenig, wie wir allein mit dem Verstand begreifen können, was eine Farbe ist, Rot zum Beispiel. Meinen Studenten erkläre ich das so: Mit Ihrem physikalischen Wissen um Farben können Sie sich sagen, Rot entspricht einem Wellenlängenbereich des Lichtes von … - na, soundso viel Nanometern. Dazu noch mögen Sie über das Licht alles wissen, was es darüber heute und künftig zu wissen gibt: die Natur der elektromagnetischen Strahlung also, Photonen, Welle-Teilchen-Dualismus, Beugung, Brechung, -schlicht: alles. Und dann fahre ich fort: Wenn Sie aber farbenblind sind«, Westphal richtet sich nun in seinem Sessel kerzengerade auf und gestikuliert mit der Hand, die seine Pfeife hält, das Mundstück auf Thomas zeigend, »wenn Ihnen also, sage ich den Studenten, wenn Ihnen also die für die Farbwahrnehmung zuständigen Strukturen im Gehirn fehlen - oder im Auge meinethalben -, können Sie nie erfahren, wie ein Farbtüchtiger den betreffenden Wellenlängenbereich wahrnimmt, letztlich, was 'Rot' eigentlich ist.« Pointierend schwenkt er bei einzelnen, ihm besonders wichtigen Worten die Tabakspfeife im Takt der Silben. »So auch ist Gott nicht einfach 'wissbar', nein, er muss – zumindest eben auch – erfahren werden, er muss erlebt werden. Und dafür - meinen die Neurotheologen, und genauso denken offenkundig Sie, Herr Kollege – und dafür gibt es bei uns die entsprechenden Hirnstrukturen. Ich sage: Gott hat sie uns geschenkt, damit wir ihn - zumindest ein Stück von ihm - überhaupt wahrnehmen können!«

Mit triumphierenden Blick in Richtung Thomas saugt Westphal ein paar mal kräftig an seiner Pfeife, räuspert sich und sagt, nachdem sie wieder reichlich Dampf gibt, in einem fast beiläufigen Ton: »Wie geringwertig im Grunde das Wissbare ist, begreifen wir oft erst im Falle von Schicksalsschlägen: Menschen, die am Sarg eines Angehörigen stehen und wissen, dass sie ihn nie wieder sehen werden; ein Vater, der am Steuer seines Autos für den Bruchteil einer Sekunde unaufmerksam war und nun hilflos mit ansehen muss, wie seine Kinder im eigenen Blut ersticken. Er weiß, dass ihn die volle Schuld trifft, er weiß es ein Leben lang. Denken Sie an einen Menschen, bei dem eine todbringende Krankheit diagnostiziert wurde, - wie schlimm ihn sein Wissen trifft, oder an eine Frau, die miterlebt, wie Geist und Seele ihres geliebten Mannes von der Alzheimerschen Krankheit zugrundegerichtet werden, wie diese schreckliche Krankheit seinen Charakter verändert, seine Gefühle verflacht, ihm die Liebe zu ihr stiehlt, ihn entwürdigt. Und sie weiß, dass es keine Aussicht auf Besserung ergibt. Oder denken wir an eine junge Familie, die durch Arbeitslosigkeit aus Lohn und Brot kommt und nun von der Schuldenlast erdrückt wird. Sie weiß, dass es anderen zur selben Zeit fantastisch gut geht, sie aber praktisch keinerlei Perspektive hat. Und, Herr Wisweh, wie muss es um einen Atheisten stehen, einen nicht glaubensfähigen Menschen, der sich sein bisheriges Leben lang um Wissen bemüht hat und von dessen letztlicher Sinnlosigkeit weiß, spätestens auf dem Sterbebett.«

Eine Warnung glaubt Thomas herauszuhören.

Westphal lächelt dazu mild und malt mit kaum verhohlenem Vergnügen den Gedanken weiter aus: »Er hat vom Baum der Erkenntnis besonders viel genascht und, jenseits von Eden nun, weiß er, dass er trotz aller Bewältigungsversuche bald in die absolute Bedeutungslosigkeit zurückfällt, ins Nichts. Denn dem eigenen Tod kann er nicht entrinnen, und seine Frau nicht und seine Kinder nicht dem ihren. Wissen ist das, ein Wissen um die Sinnlosigkeit, Wissen ohne Weisheit. Trostlos ist das nackte Wissen, kalt, frieren lässt es uns. Nun, Herr Wisweh, bei einem Namen wie dem Ihrigen«, sagt Westphal schmunzelnd, »liegt es nahe, auch über das Schmerzhafte des Wissen zu reflektieren.«

Wiss-Weh!

 

Impressum:

© 2005 Dr. Ziethen Verlag
ISBN: 3 – 938380 – 04 - 7

1.überarbeitete Auflage
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ISBN: 978 – 3 – 9811692 – 8 - 7

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Umschlagsgestaltung: Gerald Wolf
Lektorat: Ursula Hensel
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ISBN: 978-3-9811692-8-7